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Mitreißende Nummer

Nürnberger Nachrichten
 10.04.2018 - L27

„Theater NEUN“ probt im Jungen Theater Forchheim das Stück „Kleider machen Leute“

aus der Feder des Dichters Gottfried Keller — Kluge und sehenswerte Inszenierung um den Schein und das Sein

VON UDO GÜLDNER

Hinter der Redewendung „Kleider machen Leute“ verbirgt sich eine Novelle Gottfried Kellers, die Jürgen Gutschmann nun für die Bühne bearbeitet hat. Der Leiter des theater NEUN und seine Nachwuchsschauspieler zeigen am kommenden Wochenende im Jungen Theater, eine spannende Geschichte um Schein und Sein. Bei den Proben wurde bereits deutlich, dass es drei sehenswerte Aufführungen werden — spannend, erfindungsreich, mitreißend.

FORCHHEIM — Da kommt einer mit dem sprichwörtlichen Nichts in Händen in eine Stadt. Ein Wirtschaftsflüchtling, auf der Suche nach einer Zukunft. In seiner Heimat Seldwyla wurde Wenzel arbeitslos. In Goldach wird er nicht etwa in ein Lager gesperrt und seine Personalien überprüft. Man hält ihn Dank seiner vornehmen Kleidung für etwas Besseres. Jeder sieht in ihm, wie in einem Spiegel, die eigenen Wünsche.

Die Köchin und Wirtin (Paula und Clarissa Deinlein) schwärmen für den polnischen Blaublüter mit dem melancholischen Blick, der bestimmt unglücklich verliebt sein müsse. Die Honoratioren des Städtchens (Laura Grimm, Noel Kramer), das nicht ohne Hintergedanken „Goldach“ heißt, halten ihn für einen reichen Tuchhändler, dessen Wohlwollen ja nicht schaden könne.

Komödie nimmt ihren Lauf

Die Hotelerie (Sofia Dottori) denkt an den Umsatz und künftige Geschäftsbeziehungen. „Das Schicksal machte ihn mit jeder Minute größer.“ Die Verwechslungskomödie nimmt ihren Lauf, weil alle bei der Klamotte mitspielen.

Von allen Seiten wird der „Graf“ gepampert: Es gibt opulente Mittagstische und weinkellerleerende Gelage, man leiht ihm Geld, bietet ihm teure Zigarren an und nimmt ihn in die Gesellschaft auf.

Schließlich arrangiert sich Wenzel. „Es ist nun einmal, wie es ist“ — dem Ärger könne man später auch mit vollem Bauch begegnen. Das ist der Moment, der ihn auf „den abschüssigen Weg des Bösen“ bugsiert.

Im Hintergrund bildet ein massiver Holzschrank zuerst die Kutsche, aus der heraus Wenzel alias Graf Strapinski in eine andere Welt hineinstolpert. Wie das wenige Jahre zuvor auch der kleinen Alice passierte, als sie ihr Kaninchen suchte und im Wunderland landete. Das Möbelstück ist daneben auch Türe, durch die Gäste das Wirtshaus betreten — und natürlich Schrank.

Im Laufe des auf einen dramatischen Höhe- und Wendepunkt zusteuernden Geschehens muss sich Wenzel entscheiden: „Arbeit, Entbehrung, Armut“ oder „Glück, Genuss, Verschuldung“.

Er wird ersteres wählen und sich damit vor Schande und Gefängnis bewahren, zugleich aber auch sich der Liebe einer Tochter aus gutem Hause als würdig erweisen.

Innere Zerrissenheit

Mit dem Doppelgänger-Motiv, das Regisseur Jürgen „Jott“ Gutschmann in die sonst textgenaue Inszenierung eingebaut hat, deutet er die innere Zerrissenheit seines „Helden“ (Elias Schmitt und Kai Hulwa) an. „Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust,“ hatte ein gewisser Goethe seinen Faust einst sagen lassen.

Während der „Hauptmann von Köpenick“, dem Carl Zuckmayer literarisch in die fadenscheinige Uniform geholfen hat, in voller Absicht einen anderen spielte, um sich dadurch finanzielle Vorteile zu verschaffen, agiert der Schneidergeselle Wenzel nicht als Aufschneider.

Irrtümer und Schönheiten

Vielmehr lässt er sich von den Ereignissen treiben, unternimmt nichts, um den von einem anderen in die Welt gebrachten Irrtum aufzuklären. Ein naiver Tor, wie ihn Mark Twain wenig später in seiner Erzählung von der „Eine Million Pfund-Note“ porträtiert hat. Ein Tramp, der die Situation laufen lässt. Sein „Gegenspieler“ ist nicht etwa der intrigante Nebenbuhler Böhni (Daniel Eckert), sondern die „standhafte Schöne“ Nettchen (Tizia Denzler).

Das Mädchen seiner Träume heißt wirklich so, auch wenn sich nach knapp eineinhalb Stunden im Scheinwerferlicht herausstellt, dass da kein unbedarftes, schutzloses weibliches Wesen auf die Errettung durch einen „Ritter“ wartet.

Sie ist eine für ihre Zeit enorm unabhängige, heute würde man sagen: emanzipierte Person. Ihren Vater, einen angesehenen Amtsrat (Helena Rödel), stellt sie vor vollendete Tatsachen.

Es wird kein tragisches Ende geben wie in Gottfried Kellers „Romeo und Julia auf dem Dorfe“, als dem Liebespaar nurmehr der gemeinsame Freitod blieb. „Keine Romane mehr,“ sagt die Erzählerin Caroline Wald. Dafür gibt es einen packenden Theaterabend.

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